reuen,
V.;
regelmäßige und unregelmäßige Formen; im Prät. auch
rau, rou
, im Part. Prät. auch
gereuen, gerauen
; vgl.
Dammers u. a., Flexion der st. und schw. Verben.
1988, 476
.
1.
›(um jn.) trauern‹;
vgl. 1.
Bedeutungsverwandte:
vgl. 1, (V.) 1.
Wortbildungen:
˹
reueknecht
,
reuman
˺ ›Helfer bei einem Begräbnis‹.

Belegblock:

Buch Weinsb. (
rib.
,
1568
):
die lich wart von gekleiten reumenneren getragen.
Ebd. (
1581
):
Neigst achter der lichen hat der jonge mit dem burgermeistersstabe gangen und zwelf reueknechten nach dem stabe.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Ich schaff daz sine mage | Umb in rüwen.
2.
›Reue empfinden‹; ›sich mit etw. quälen‹; ›ein selbstverantwortetes Fehlhandeln bereuen, bedauern‹; ›etw. / jn. schmerzhaft vermissen‹; speziell christlich-religiös: ›Reue zeigen, zur Umkehr bereit sein‹; dies auch im Sinne einer Grundhaltung des demütigen Christenmenschen;
vgl. 2.
Bedeutungsverwandte:
1
2, 2, 1, 1, 8, (V.) 1, 2, , .
Syntagmen:
j. r
. (absolut);
j. die sünden r., sich r., das [...]
;
nach jm., über etw. r
.; subst.:
das herzliche / unleidliche reuen
;
etw. mit reuen klagen, j. geschickt zu (dem) reuen sein
;
die anzeigung des reuens
; als part. Adj.:
der reuende schacher
.
Wortbildungen:
˹
reuigung
,
reuung
˺ ›Bereuen (von Sünden), Bedauern‹ (dazu phras.:
mit unerkantlicher reuung
›ohne erkennbares Bedauern‹).

Belegblock:

Luther, WA (
1530
):
ich kan mit meiner rew ein solcher feiner kleinschmid werden, das ich vnserm Herr Gott aus seinem fehlschlussel, einen treffschlussel schmiden kan, Denn Rewe ich, so trifft der schlussel.
Ebd.
454, 6
:
Rewen soltŭ das ist war Aber nicht drauff trawen noch bawen.
Froning, Alsf. Passionssp. (
ohess.
,
1501ff.
):
wie sere ruwen ich [Judas] mich, | das ich ßo ubel hon gethayn!
Jerouschek, Nürnb. Hexenh.
9r, 24
(
obd.
,
1491
):
das wainẽ ist anzeigũg des rüens im hertzen.
Voc. Teut.-Lat.
aa viijr
(
Nürnb.
1482
):
Rewigung odʼ rewung. penitentia.
Bihlmeyer, Seuse (
alem.
,
14. Jh.
):
wie du [Jhesu Christe] den rúwenden schaͮcher von diner grundlosen erbermd so suͤsseclich begnaͮdetest.
Bernoulli, Basler Chron. (
alem.
,
1529
/
30
):
umb straff willen unserer sünden, so teglich wider inn
[Gott]
mit unerkantlicher rüwung bschechen.
Vetter, Pred. Taulers (
els.
,
1359
):
das
[der ausbleibende Regen]
solte dem und allen sinen frúnden ein unlidelich rúwen und schrijen machen.
Rúwe und getrúwe und blip bi dir selber.
Bolte, Pauli. Schimpf u. Ernst (
Straßb.
1522
):
Dan Got entzoch im die Gnad, und mocht sie auch nymer uͦberkumen, wie fast er ruͦwet und sich darzuͦ bereitet.
Bobertag, Schwänke (
Straßb.
,
1522
):
da fiel die gnad gottes vff in, vnd fieng an zuͦrüwen vnd zuͦweinen.
Rennefahrt, Staat/Kirche Bern (
halem.
,
1523
):
das der und dieselben
[verurteilte Gotteslästerer]
[...] schuldig sin soͤllen, [...] mit der hand ein kruͥtz in das aͤrtrich zuͦ machen und soͤllichs zuͦ kussen, zuͦ einer anzoͤig deß mißfals und ruͥwens und das si gott umb verzychung bitten.
Wyss, Luz. Ostersp.
5264
(
Luzern
1571
):
Nun wil ich verkouffen, was ich han, | Mine sünd rüwen vnd buͦss empfan.
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
ein ieder lueg selbs bei seinen lebzeiten zu seinen sachen, verlass sich uf niemands, dann wer reut, der reut.
Steer, Schol. Gnadenl.
6, 11
(
moobd.
,
15. Jh.
):
Dy höchst gab got des heyligen geyst wird ein gossen vnd geben yn warer rewung der sünd.
Fichtner, Füetrer. Trojanerkr.
235, 3
(
moobd.
,
1473
/
8
):
Diana von dem wald | ain ding mit rew̃en claget: | Agamenon der göttin hat gevalt | ain hind.
Oorschot, Spee/Schmidt. Caut. Crim. ;
Bihlmeyer, a. a. O. ;
Lemmer, Brant. Narrensch.
31, 29
;
3.
›jn. reuen, zum Widerruf bewegen‹; von selbstverantworteten Handlungen, oft Rechtsgeschäften, metonymisch auch von den dabei aufgewendeten Mitteln bzw. den angewandten Methoden; ›jn. schmerzen, quälen‹; überwiegend von vom Sprecher nicht beeinflussbaren Sachverhalten; häufig in Konstruktionen mit
es
als formalem Subjekt in Korrelation zu einem Inhaltssatz;
vgl. 1; 2.
Bedeutungsverwandte:
vgl.
1
2, 3, 3; 4, 3, (V.) 1, 7,
2
2, 4, 5, .
Syntagmen:
etw
. (Subj., z. B.
der aufgang / kauf / kost, die arbeit / gewonheit / missetat / schuld / torheit / verlust, das geld / übel, der tödliche schlag, die gulden / sünden
)
jn. r
.,
etw. jn
. [wie] (z. B.
hart / minder / übel
)
r
.,
(es) jn. r., das [...], (es) jn. r
. [+ Infinitivsatz];
etw
. (Subj., z. B.
die arbeit
)
jm
. (Dat.obj.)
r
.;
j. sich etw. r. lassen
.

Belegblock:

Luther, WA (
1524
):
uns rewet unser missethat.
Chron. Köln, Koelhoff
12r, 14
(
Köln
1499
):
Jdt ruyt mich [got] dat ich dẽ mynschen geschaffen hain.
Jungbluth, J. v. Saaz. Ackermann
11, 7
(Hs. ˹
omd.
,
1465
˺):
mich reuet sere mein ewig selige verlust, die ich nimmer widerbringen mag.
Hoffmeister, Kuffstein. Gef.
A vr, 8
(
Leipzig
1625
):
Doch rewete mich im mittel meiner Truͤbsal / nicht hieher gekommen zu seyn.
Sachs (
Nürnb.
1557
):
Wann mich auch sieder manche stundt | Gerawen hat, das ich gebot, | Das man das kindt brecht zu dem todt.
Williams u. a., Els. Leg. Aurea
584, 18
(
els.
,
1362
):
do begunde in der kŏf ruwen.
Roloff, Brant. Tsp.
2438
(
Straßb.
1554
):
Verzih uns unser grosse dorheit | Dann sie uns rüwt und warlich ist leit.
Koppitz, Trojanerkr. (Hs. ˹
noschweiz.
,
15. Jh.
˺):
Sy rou der töttliche schlag | Der dem ritter waz geschechen.
Wyss, Luz. Ostersp.
3565
(
Luzern
1571
):
Mich rüwett, das sy gstorben sind.
Chron. Augsb. (
schwäb.
, Hs.
16. Jh.
):
und soll man wißen, daß es den bischoff und sein pfaffhait gar hart gerewen hett, daß er den burgern den gewalt hett geben.
da warden sie laidig und hett sie übel gerawen.
Brandstetter, Wigoleis
235, 7
(
Augsb.
1493
):
dann waer diß werck meinem günstlichen lieben herren vnd frawen geuellig, so taet mir mein arbeyt so vil minder reüwen.
Spechtler, Mönch v. Salzb.
11, 58
(
oobd.
,
3. Dr. 14. Jh.
):
ieglich mensch meid missetat | und las sich rewen fru und spat | sein schuld.
Munz, Füetrer. Persibein
409, 2
(
moobd.
,
1478
/
84
):
Helld, des piß ett erlassen, | diss múesst mich für dich rewen!
Bauer, Haller. Hieronymus-Br.
24, 36
(
tir.
,
1464
):
Warum lastu dich nicht reüen das v̈bel, das tu verpracht hast?
Kurz, Waldis. Esopus ; ;
Bergmann, Ambr. Liederb. ;
Opitz. Poeterey
55, 3
;
Primisser, Suchenwirt ;
Vgl. ferner s. v. 11.
4.
›jm. Verdruss, Schmerz bereiten‹; ›jn. enttäuschen, traurig machen‹; ›jn. (um sich) trauern lassen‹; ›js. Mitleid erwecken‹;
vgl. 1.
Bedeutungsverwandte:
vgl. , 2, , 3.

Belegblock:

Karnein, Salm. u. Morolf
34, 4
(
srhfrk.
, Hs.
um 1470
):
sie muß mich
[den Heidenkönig]
iemer riuwen, | das sie hat den cristen man.
Mayer, Folz. Meisterl. (
nobd.
,
v. 1496
):
Unnd zwor du rewest mich: | Das ich noch ye so herteclich | Mit meim gesang erzurnte dich.
Sachs (
Nürnb.
1562
):
Allein rhewt uns die jung person, | Umb den doch warlich iedermon | Ein sonderlich mitleyden hat.
v. Keller, Ayrer. Dramen (
Nürnb.
1610
/
8
):
O liebe Tochter, wie reühst du mich! | All mein Hoffnung setzt ich in dich | Vnd dacht, Ehr an dir zu erlebn.
Wyss, Luz. Ostersp.
9547
(
Luzern
1545
):
wir wend in [den saluator] tragen senfftigclich, | von grund mins hertzens rüwt er mich!
Barack, Zim. Chron. (
schwäb.
,
M. 16. Jh.
):
Es rauhe der jung mentsch iederman, das er also jemerlichen umb sein junges leben sollte gebracht werden.
Karnein, a. a. O.
475, 4
;
v. Keller, a. a. O. ;